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"Das Träuble" in Geradstetten - damals

Wer in Geradstetten die Landstraße in der Gegend des Burgbrunnens verlässt, kommt in die Schmalzgasse. Das liebliche Bild, welches sich dem Betrachter hier offenbart, hat schon so manchen Maler oder Photographen Stift und Kamera zücken lassen.

 

Hier plätscherte bis vor wenigen Jahren der Dorfbach und die Welschkornkolben hingen an den schmucken Fachwerkgiebeln. In Herbstzeiten reihten sich hier die Stände und die Weingärtner durcheilten mit ihren Wirten die enge Gasse. In ihr steht auch das Gasthaus "Zur Traube". Mancher Weinkenner hat hier beim "Becka-Lui" an der warmen Wand gesessen und eine Viertele geschlotzt.

 

Das Haus ist seit undenklichen Zeiten eine Gassenwirtschaft gewesen und zählte somit also nicht zu den Schildwirtschaften. Die Schankberechtigung ruhte nicht auf dem Haus, sondern wurde jeweils vom Besitzer erteilt.

 

Der Platz für diese Wirtschaft wurde wahrlich günstig ausgesucht - mitten im Dorf. An der Vorderseite stieß sie auf den Kelterplatz, wo in alter Zeit drei Keltern zusammen mit neun Bäumen standen. Im "Zehenthäuschen", welches gegenüber der Wirtschaft an die untere Kelter angebaut war, lieferten die Wengerter ihre Weingefälle ab. An der Rückseite des Gasthauses, wo jetzt das "Haus Mayerle" ist, stand das gemeindeeigene "Kaufhäusle", in dem die Weinkäufe getätigt wurden. In nächster Nähe befand sich auch die bedeutende Ziegelhütte, die sechs Gemeinden des mittleren Remstales und teilweise sogar die Stadt Schorndorf versorgte. Nach dem 30-jährigen Krieg stand sogar das Rathaus in der Nachbarschaft.

 

Unbekannt ist, ob das Gebäude der heutigen "Traube" im 30-jährigen Krieg wie das benachbarte Rathaus abgebrannt ist. Am 11. April 1638 wütete ein Großbrand zwischen dem Burgbrunnen und der Kirche. Bayrische Truppen hatten den Brand gelegt.

Im Jahr 1746 gehörte das Haus dem Bäcker Johannes Bühler, der Sohn des Bäckers Leonhard Bühler. Dieser kam von auswärts und war hier von 1697 bis 1718 als Schulmeister tätig. Es bleibt fraglich, ob seine Nachbarschaft ihn zu diesen verschiedenen Berufen veranlasst hat oder ob gerade sein Doppelberuf zu der Nachbarschaft von Schulhaus und Wirtschaft geführt hat. Nach diversen Veränderungen erhielt das Haus 1792, nachdem auch das Brennhäusle auf dem Platz des Schulmeistergärtleins erbaut worden war, seine jetzige Gestalt. Einige Jahre später wurde auch das "Haus Mayerle" angebaut.

 

1842 starb der Besitzer Imanuel Bühler und hinterließ seine Frau mit vier Kindern. Die Witwe heiratete den Bäcker Christoph Friedrich Hartmann, der es binnen kürzester Zeit fertigbrachte, das schöne Anwesen zu ruinieren. Im Jahr 1846 begab er sich im Einverständnis seiner Frau auf Wanderschaft und tauchte zehn Jahre später in Boston - Amerika auf. Die Familie jedoch hatte ihr Heim verloren. Ein Sohn wanderte nach Neuseeland aus, der Andere nach Amerika. Im gleichen Jahr des Aufbruchs von C. F. Hartmann, kaufte sich Ludwig Friedrich Bühler den Teil des Gebäudes, der heute "die Traube" genannt wird, welcher lange Zeit im Besitz der Familie geblieben ist.

 


© 2006 Ernst-Ulrich Schassberger